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Nimm dich in acht, Stranger!

von Uwe Helmut Grave


Diesmal nicht, Bert Stranger, diesmal nicht...

Glaubte der Windhund wirklich, ich fiele zweimal auf denselben miesen Trick herein? Er unterschätzte mich gewaltig und beleidigte damit meine Intelligenz.
Was bildete er sich ein? Daß er der einzige gute Reporter auf diesem Planeten sei? Da gab es noch andere. Beispielsweise mich – Tom Tucker, sechzig Jahre alt, vierzig Jahre journalistische Berufserfahrung. Mir machte keiner so leicht ein X für ein U vor.
Zugegeben, in letzter Zeit lief nicht alles wie gewünscht. Die Konkurrenz wurde ständig größer, der Kampf um die Marktanteile härter. Da kam mir das Angebot von Terra-Press, künftig als fester Mitarbeiter exklusiv für eine neue, reißerisch aufgemachte Wochensendung tätig zu werden, gerade recht. Ich mußte nur ein Stück berufliche Freiheit aufgeben zu Gunsten finanzieller Sicherheit.
Das war vor zweieinhalb Jahren.
Von diesem Zeitpunkt an hörte ich mich allerorts nach Alltagserlebnissen um, die es wert waren, daß man darüber berichtete. Es fiel mir nicht sonderlich schwer, auf geeignete Storys zu stoßen – schrieb doch das Leben bekanntlich die besten Geschichten.
Um meine Kurzreportagen für die breite Zuschauermasse interessant zu machen, motzte ich sie auf Anweisung des Chefredakteurs jedesmal gehörig auf. Mancher von mir interviewte Zeitgenosse dürfte sich bei Ausstrahlung der publikumswirksam gestalteten Sendung selbst kaum wiedererkannt haben.
Kelso, mein australischer Kameramann, folgte mir auf Schritt und Tritt, damit seiner vielseitigen Spezialkamera auch nichts entging. Wir "drei" wurden dicke Freunde.
Erst wenn eine Sache vollständig zum Abschluß gebracht war, legte ich dem Redakteur das fertige Ergebnis vor. Er entschied dann über den Zeitpunkt der holographischen Ausstrahlung. Frische Sensationen wurden sofort gesendet, weniger aktuelle Berichte landeten für einen begrenzten Zeitraum im "Konservenlager" – so nannten wir scherzhaft das Archiv mit den zurückgestellten Aufnahmechips.
Mein Verdienst war zufriedenstellend, entsprach aber nicht meinen ursprünglichen Erwartungen. Daher fing ich an – in Absprache mit Kelso – aufregende Erlebnisse frei zu erfinden. Dazugehörige Interviews führte ich mit bezahlten Laiendarstellern, die ich per Vertrag zum Schweigen verpflichtete.
Ein lukratives Geschäft, von dem alle profitierten. Die Zuschauer vor den Bildschirmen freuten sich über die reißerischen Geschichten, der Sender über die hohen Einschaltquoten und die gekauften Darsteller über ihre ansehnliche Gage. Kelso und ich genossen den Erfolg, der sich allmählich auch auf unseren Bankkonten bemerkbar machte.
Eines Tages kam uns Bert Stranger auf die Schliche. Weiß der Henker, wie er das geschafft hatte! Wahrscheinlich hatte ihn seine legendäre Spürnase auf unsere Fährte geführt – nicht umsonst galt er als der beste Mann bei Terra-Press. Bert verfügte über Kontakte (sogar zur Regierung), von denen unsereins nur träumen konnte.
Er machte mir schwere Vorwürfe und sprach von "sauberem Journalismus".
Am liebsten hätte ich laut losgelacht. Sauberer Journalismus? Den gab es doch schon lange nicht mehr. Kaum noch ein Reporter fühlte sich der Wahrheit und nichts als der reinen Wahrheit verpflichtet. Die Medien beziehungsweise die Zuschauer und Leser dürsteten nach voyeuristisch aufgemachten Berichten, und genau die lieferten wir ihnen – egal wie.
Stranger sah das anders – eine penible Einstellung, mit der er sich nicht zum ersten Mal bei Kollegen unbeliebt machte. Er verlangte von Kelso und mir, sämtliche gefälschten "Konserven" umgehend zurückzuziehen und zukünftig nur noch wahre Meldungen zu verbreiten. Andernfalls würde er uns auffliegen lassen.
Notgedrungen kamen wir seiner Aufforderung nach. Unter dem Vorwand, noch einige Bearbeitungen vornehmen zu müssen, tauschten wir bereits fertiggestellte getürkte Berichte nach und nach gegen wahre Storys aus. Eine Mordsarbeit, die uns unnötige Zeit und eine Menge Geld kostete. Seinerzeit schwor ich, mich bei der nächstbesten Gelegenheit an Bert Stranger zu rächen.
Diese Gelegenheit bot sich mir schneller als ich dachte.
Das Geschäftsgebäude von Terra-Press war ein riesiger Komplex. Nicht alle Redaktionsräume waren frei zugänglich. Die in den oberen Etagen gelegenen Räumlichkeiten durften ausschließlich von Mitarbeitern betreten werden; für einige Zimmer benötigte man sogar eine Kodekarte.
Während Strangers Abwesenheit verschaffte ich mir unbemerkt Zutritt zu seinem Büro. Es war wesentlich größer als die "Abstellkammer", mit der Kelso und ich uns begnügen mußten, und weitaus besser eingerichtet. Mich packte der Neid. Wozu benötigte jemand, der die meiste Zeit in der Weltgeschichte unterwegs war, ein solches Luxusapartment?
Wie nicht anders zu erwarten, verweigerte mir Strangers Suprasensor ohne das Paßwort den Zugang zu seinen Daten.
Ich suchte auf Berts Schreibtisch nach einem Hinweis. Diverse Notizen auf fliegenden Zetteln brachten mich nicht weiter. Erst ein winziges Stück Papier, das an der Unterseite eines blitzblanken Metallaschenbechers klebte, führte zum gewünschten Erfolg.
Nur ein einziges, unfeines, in Versalien geschriebenes Wort stand auf dem versteckten Notizzettel: IDIOT. Ich verwendete es umgehend als Paßwort...
... und der Suprasensor gab eines seiner Geheimnisse preis. Der Apparat gewährte mir einen Blick auf Strangers persönlichen Terminkalender.
Eine Stunde später fuhren Kelso und ich in unserem gemeinsamen Dienstschweber Richtung Baltimore. Bert Stranger hatte sich dort mit einem bekannten Politiker verabredet, zwecks eines Interviews zu dessen bevorstehender Scheidung. Ein genauer Gesprächstermin war noch nicht festgelegt worden, den wollte man demnächst per Vipho abklären.
Das Delikate an der Sache: Jener Politiker betrieb seit Jahren einen öffentlichen, fast fanatischen Feldzug gegen Unmoral, Unzucht und Ehebruch, wobei er ständig sich selbst als nachahmenswertes Vorbild präsentierte. "Seht her, ich bin ein fleißiger Familienvater mit strengen, aber gerechten Ansichten und einer gefestigten Moral. Eheliche Treue ist für mich eins der obersten Gebote." Und nun wollte ausgerechnet er seine Familie im Stich lassen und mit einer jüngeren Geliebten zusammenziehen. Ein brisanter Stoff für jedes Klatschmagazin.
Vermutlich steckte sogar noch mehr dahinter. Mit einer profanen Liebesaffäre hätte sich Stranger, der normalerweise von den Brennpunkten der Welt berichtete, niemals befaßt. Hier ging es garantiert um Wichtigeres, möglicherweise um den Verrat von Staatsgeheimnissen oder ähnlichem.
Denkbar war auch, daß Bert die Story für seine ehemalige Praktikantin Claire alias KC aufgetan hatte und ihr das Interview überlassen wollte. Um so besser, dann konnte ich beiden eins auswischen. Zwei Fliegen auf einen Streich – der Überhebliche und die Vorlaute.
Kelso und ich trafen in Baltimore ein – und kehrten noch am selben Tag unverrichteter Dinge in die Redaktion zurück.
Es war mir nicht gelungen, meinem verhaßten Reporterkollegen den Bericht wegzuschnappen. Einfach deswegen, weil es nichts zu berichten gab. Eine Scheidung stand überhaupt nicht zur Debatte.
Der betreffende Politiker hatte Kelso und mich von seinen Leibwächtern unsanft aus seiner Villa werfen lassen und angekündigt, sich beim Chefredakteur für meine unverschämten Unterstellungen zu beschweren.
Bert hatte wohl geahnt, daß ich über kurz oder lang versuchen würde, es ihm heimzuzahlen. Deshalb hatte er mir vorsorglich eine Falle gestellt. IDIOT – damit war ich gemeint.
Wie ein solcher kam ich mir auch vor, als ich beim Chefredakteur Abbitte leisten mußte. Ich stammelte irgendwas wie "bedauerlicher Irrtum" und "peinlicher Ausrutscher", mehr fiel mir dazu nicht ein. Was hätte ich auch sagen sollen? Daß ich unbefugt ins Büro eines Kollegen eingedrungen war, um mich an ihm für seine Überehrlichkeit zu rächen und statt dessen ein Opfer seiner Hinterlist wurde?
Glücklicherweise hatte mich dieser inzwischen vier Wochen zurückliegende Vorfall nicht gleich den Job gekostet.
Jetzt befand ich mich wieder in Bert Strangers Redaktionsbüro – und erneut war ich auf seinem Schreibtisch fündig geworden.
Diesmal klebte ein Papierfetzen mit dem geänderten Paßwort unter einer der Schreibtischschubladen. Offensichtlich hielt mich Stranger für einen "Vollidioten", denn genau dieses Wort hatte er auf dem Stück Papier notiert.
Ich schaltete den Suprasensor erst gar nicht ein. Wenn Bert etwas zu verbergen hatte, stand es garantiert nicht in seinem elektronischen Terminkalender, und auch sonst würde ich auf seiner Festplatte vermutlich nichts Interessantes entdecken. Dafür war er viel zu ausgebufft. Zweimal derselbe billige Trick? Nicht mit mir! Diesmal nicht, Bert Stranger, diesmal nicht...
Jeder andere hätte jetzt vermutlich aufgegeben. Ich nicht. Hartnäckigkeit war sozusagen mein zweiter Vorname. Unermüdlich suchte ich das Büro nach einem Hinweis auf Strangers derzeitige Aktivitäten und nachfolgenden Pläne ab.
Meine Mühe wurde belohnt. In einem schlecht gesicherten Aufbewahrungsbehälter für Mikro-CDs (die ich allesamt unbeachtet ließ) stieß ich auf ein kleines Geheimfach mit einem weiteren Datenträger. Den steckte ich kurzerhand ein, zur näheren Begutachtung daheim. Ich hielt mich eh schon viel zu lange hier auf. Auf dem kürzesten Weg verließ ich das Terra-Press-Gebäude.

*

Strangers geheime Unterlagen waren zwar verschlüsselt, doch das bereitete mir nur minimale Schwierigkeiten. Nach mehreren Stunden hatte ich den kompletten Text auf seinem Datenträger dechiffriert.
Im ersten Teil seiner Aufzeichnungen beschäftigte er sich mit dem durchschnittlichen Lebensalter der Menschheit, welches Ende des vorigen Jahrhunderts gerade mal bei 75 Jahren gelegen hatte. Diese Zahl schwankte allerdings erheblich, da in der damaligen Statistik die relativ hohe Kindersterblichkeit mit einbezogen worden war. Über Achtzigjährige waren durchaus keine Seltenheit, und hier und da hatte man sogar den einen oder anderen Hundertjährigen antreffen können.
Mittlerweile betrug der Lebensdurchschnitt – dank der rasanten Fortschritte in der medizinischen Forschung – sage und schreibe 140 Jahre. Weil heutzutage kaum noch Kinder starben, war diese statistische Angabe wesentlich präziser und zuverlässiger als frühere Erhebungen. Hundertfünfzigjährige gab es verhältnismäßig wenige. Hundertsechzigjährige hatten Seltenheitswert. Und die immer mal wiederkehrenden, unbewiesenen Meldungen über vereinzelte Hundertfünfundsiebziger im Kaukasus waren vermutlich nichts weiter als die phantasiereiche Erfindung einiger Reporterkollegen von meinem Schlag.
Was war bloß an diesem abgegriffenen Thema so spannend, daß sich ein Journalist von Strangers Kaliber damit beschäftigte?
Des Rätsels Lösung steckte in einem amtlichen Schriftstück, das mir als Kopie vorlag – ausgestellt von der Meldebehörde einer kanadischen Ortschaft namens Edmoon.
Obwohl ich kaum glauben konnte, was ich da las, zweifelte ich nicht eine Sekunde an der Echtheit des Dokuments. Stranger war kein Dummkopf und hatte das Amtspapier sicherlich gründlich überprüft. Und überhaupt: Weshalb hätte er es verstecken sollen, wenn es sich lediglich um eine Fälschung handelte? Diesmal lag ich richtig, das spürte ich.

*

"Dreihundert Jahre?" Kelso schaute mich erstaunt an. "Das ist unmöglich, so lange lebt kein Mensch."
"Mister Brian Holway schon", erwiderte ich. "Sein Geburtsdatum wurde amtlich dokumentiert. Er erblickte nachweislich am 24. August 1758 das Licht der Welt. Morgen feiert er seinen 300. Geburtstag."
"Erstaunlich! Die gesamte Weltpresse dürfte anwesend sein."
"Eben nicht. Aus Strangers Unterlagen geht hervor, daß Holway sein hohes Alter bisher erfolgreich geheimgehalten hat. Nur seine engsten Angehörigen wissen Bescheid und schirmen ihn vor der Öffentlichkeit ab. Damit man ihm nicht auf die Schliche kommt, mußte er mehrmals umziehen. Sein jetziger, wahrscheinlich letzter Wohnort ist Edmoon, ein kleiner Ort im Norden Kanadas. Dort will er seine ihm noch verbliebenen Lebensjahre in Frieden verbringen. Theoretisch könnte er jeden Tag den Löffel abgeben, daher ist Eile geboten."
Tags darauf saßen mein Kameramann und ich in einem Linienjett.
"Warum hat Stranger den Greis nicht längst aufgesucht, wenn dessen langes Leben allmählich dem Ende zugeht?" fragte Kelso skeptisch.
Ich hob die Schultern. "Wahrscheinlich wollte er Holways runden Geburtstag abwarten, um dem Interview einen besonderen Pfiff zu verleihen. Oder er hat noch keine Zeit gefunden, sich darum zu kümmern. Du weißt doch, was für ein Arbeitstier er ist."
"Das ist zwar ein Grund, aber kein Hindernis", meinte Kelso. "Bert hätte seine Expraktikantin Claire nach Edmoon schicken können. Wäre ja nicht das erste Mal, daß er ihr einen lukrativen Auftrag zuschanzt."
Ich schnaufte ärgerlich. Wenn es jemanden gab, den ich mindestens ebensosehr haßte wie Bert Stranger, dann war es KC – Klatschtante Claire. Ich weiß nicht mehr, wann genau sie zu Terra-Press gestoßen war. Eines Tages hatte sie plötzlich auf der Bildfläche gestanden...
... und von da an war es mit ihrer journalistischen Karriere steil aufwärtsgegangen. Keine Ahnung, wie sie das geschafft hatte. Einige Neider munkelten, sie hätte sich gezielt bis zur Direktionsetage hochgeschlafen. Ich bezweifelte das – grottenhäßlich wie dieses Frauenzimmer daherkam.
Stranger hatte sie für ein paar Monate unter seine Fittiche genommen und ihr dann einen lukrativen Posten als Klatschkolumnistin verschafft. Seither standen sie und ich in Konkurrenz zueinander. Zwar gehörte sie einer anderen Redaktion an, verkaufte aber hin und wieder Beiträge an den leitenden Redakteur des Magazins, für das ich tätig war. Ich hegte den Verdacht, daß sie es war, die Bert seinerzeit auf meine gefälschten Berichte und Interviews aufmerksam gemacht hatte.
Allein der Gedanke, daß Claire (kannte eigentlich irgendwer ihren Nachnamen?) einen früheren Jett genommen haben könnte und vor mir bei Holway eintreffen würde, jagte mir eine ganze Schwadron Gänseschauer über den Rücken.
Am Flughafen mieteten Kelso und ich uns einen Schweber – und ab ging es nach Edmoon.
Unterwegs machte Kelso Aufnahmen von der ländlichen Umgebung. Man wußte nie, wann man solche Bilder mal gebrauchen konnte. Von romantischer Heimatidylle, wie man sie aus Großvaters Fotoalbum kannte, war das alles weit entfernt. So wie der Traktor einst das Pferd ersetzt hatte, hatte man auch ihn inzwischen ausgetauscht – gegen programmierte Pflugmaschinen, die zur vielbesungenen Märzenzeit unter Beaufsichtigung über die Äcker schwebten. Sogar das Säen und Ernten wurde überwiegend von neuartigen Landwirtschaftsmaschinen besorgt, und manch ein Großbauer leistete sich sogar Roboter – aufrechtgehende Blechmänner von Wallis Industries, die für jedweden Arbeitseinsatz immer beliebter wurden.
Augenblicklich stand das Korn in voller Blüte. Bis zum Einfahren war es allerdings nicht mehr lange hin.
"Wir fackeln nicht lange", wies ich meinen australischen Kameramann an, als wir vor dem Haus der Familie Holway eintrafen. "Ich gehe mit dem Mikrophon voran, und du hältst unablässig die Kamera auf den Alten. Bis seine Angehörigen kapieren, daß wir von der Presse sind, haben wir den Beitrag längst im Kasten."
Überrumpelungstaktik gehörte zu meinen Spezialitäten, sie war sozusagen das Geheimnis meines Erfolges.
Einem Sprichwort zufolge war das Glück stets auf der Seite der Tüchtigen. Auf Kelso und mich traf das voll und ganz zu. Die Haustür des massiven Bauernhauses stand sperrangelweit offen – und außer dem Greis war gerade niemand daheim.
Er saß im gemütlich eingerichteten Wohnzimmer in einem bequemen Sessel und war offenbar eingenickt.
"Mannomann, sieht der übel aus!" flüsterte Kelso mir zu. "Der reinste Scheintote. Aus den vielen Falten in seinem Gesicht könnte man ein Wellblechdach für meine Schwebergarage machen."
"Sei nicht so respektlos gegenüber einem Mann, der mühselig drei Jahrhunderte überstanden hat", ermahnte ich meinen Mitarbeiter leise. "Ich bin schon gespannt, was er uns alles zu erzählen hat."
"Jetzt steht es endgültig fest", sprach ich ins Mikrophon, ohne noch länger Rücksicht auf den Schlaf des alten Mannes zu nehmen. "Der älteste Mensch der Welt lebt nicht im Kaukasus, sondern in der kanadischen Region unseres Planeten. Genauer gesagt, in einem verträumten, ländlichen Ort namens Edmoon, im Norden Kanadas."
Der Greis erwachte, blinzelte zunächst und riß dann erschrocken die Augen auf.
"Keine Angst, wir tun Ihnen nichts", beruhigte ich ihn mit einem breiten Lächeln auf den Lippen. "Mein Freund und ich möchten Ihnen nur zu Ihrem dreihundertsten Geburtstag gratulieren."
Brian Holway richtete seinen rechten Zeigefinger auf uns und versuchte, etwas zu sagen. Seine Hand zitterte leicht. Offensichtlich wollte er uns hinausweisen, hatte aber aufgrund seiner Betagtheit Mühe, sich verbal zu artikulieren.
"Aus diesem feierlichen Anlaß möchte ich Ihnen eine Frage stellen, die unsere Zuschauer brennend interessiert", sagte ich rasch, noch bevor er seinen Rausschmiß formulieren konnte. "Was war das eindrucksvollste Erlebnis in Ihrem langen Leben, Herr Holway?«"
Der Greis hüstelte leise und sagte dann mit heiserer Stimme: "Im Jahre 2051..."
"Ich dachte eigentlich an ein weiter zurückliegendes Erlebnis", fuhr ich ihm sogleich ins Wort. "2051 war für uns alle ein bedeutungsvolles Jahr. Im Mai startete die legendäre Galaxis mit 5 000 Kolonisten ins All – und zeitgleich brach über die Erde das Grauen herein."
"Aufgrund der Giant-Invasion..." krächzte Holway.
"Das müssen schreckliche Erinnerungen für Sie sein", unterbrach ich ihn erneut. "Was unser Volk in jenen Tagen alles Furchtbares durchmachen mußte... Ebendarum sollten wir uns glücklicheren Zeiten zuwenden. Sie wurden 1758 geboren. Als Sie zwanzig waren, schloß Benjamin Franklin für die amerikanischen Freistaaten einen Bündnisvertrag mit Frankreich, dem im Folgejahr auch Spanien beitrat. Sind Sie Franklin einmal begegnet?"
"Wolltest du nicht über glücklichere Zeiten reden?" raunte Kelso mir zu. "Wenn mich meine geschichtlichen Kenntnisse nicht täuschen, begannen im selben Jahr auch die Niederländer einen umfangreichen Handel mit Amerika – woraufhin England Holland den Krieg erklärte."
"Still", zischte ich ihn an, denn ich hatte das Gefühl, Holway wollte etwas dazu sagen.
"Nach der Invasion der Giants...", kam es kaum hörbar über seine Lippen.
"Wieso wollen Sie dauernd über die Giants mit uns sprechen?" fragte ich ihn genervt. "Wenn Ihnen das achtzehnte Jahrhundert nicht behagt, wenden wir uns dem neunzehnten zu. Wann und wie haben Sie von der Schlacht bei Waterloo erfahren? Schließlich gab es damals noch keine Nachrichtensender. Dauerte es sehr lange, bis sich derart brisante Meldungen verbreiteten?"
"Wegen der Giants...", versuchte es Brian Holway aufs neue.
Die Zeit drängte. Jeden Augenblick konnte jemand von seiner Familie hereinkommen und uns zum Teufel jagen. Es mußte doch möglich sein, diesem Mann wenigstens eine einzige Äußerung zu seiner historischen Vergangenheit zu entlocken.
"1877 erfand Thomas Alva Edison die Konstruktion einer Sprechmaschine, den sogenannten Phonographen", redete ich ihm mitten in den Satz hinein. "Noch Jahre später bezeichneten ihn entrüstete Professoren als gemeinen Betrüger, der lediglich Bauchrednerkünste vorführte. Sie, Herr Holway, konnten die weitere Entwicklung dieser bedeutsamen Erfindung schrittweise mitverfolgen. Haben Sie jede Neuerung auf diesem Gebiet mit Begeisterung aufgenommen, oder waren Sie anfangs genauso skeptisch wie die Gelehrten? Welche Vinylplatten hörten Sie eigentlich in Ihrer Jugend?"
In diesem Moment riß mir der Greis zornig das Mikrophon aus der Hand.
"Nach der Giant-Invasion standen die Bewohner von Edmoon vor dem Nichts", sprach er mit bebender Stimme hinein. "Unsere Habseligkeiten waren teils verbrannt, teils in alle Winde verstreut. Kaum jemand verfügte über persönliche Papiere, alles mußte neu beantragt und erstellt werden. Im hiesigen Rathaus herrschte ein ziemliches Chaos. Damals passierte es, daß man mich irrtümlicherweise um einhundertvierzig Jahre älter gemacht hat."
Eine lange Rede für einen Hundertsechzigjährigen. Erschöpft ließ er sich in den Sessel zurückfallen.
Scheinbar brauchte er jetzt etwas Entspannung, denn er streckte seine zittrige Hand nach der Fernbedienung für den Suprasensor aus, die auf einem klobigen Tisch lag. Ich reichte sie ihm herüber, fast automatisch, denn ich war noch immer völlig perplex.
Kelso schaltete die Kamera ab und Holway den Suprasensor ein.
Das Tagesnachrichten-Hologramm wurde ausgestrahlt. Im Mittelpunkt stand ein Live-Beitrag von Klatschtante Claire. Ein Sensationsbericht direkt vom Ort des Geschehens. Joan Gipsy, Ren Dharks Exfreundin, beschuldigte den Commander der Planeten, sie sitzengelassen zu haben, obwohl sie im sechsten Monat schwanger sei. Demonstrativ hielt sie ihr spärlich bedecktes Bäuchlein in die Kamera.
"Armer Kerl", murmelte Kelso. "Sie macht ihn öffentlich fertig – und das ausgerechnet an seinem Geburtstag."
"Dhark hat heute ebenfalls Geburtstag?" entfuhr es mir – das hatte ich total vergessen.
Brian Holway deutete auf das Hologramm. "Sie hättet ihr fragen sollen, dann hättet ihr euch den Weg zu mir sparen können. Als sie vor sechs Wochen hier war, habe ich ihr klipp und klar gesagt, wie alt ich wirklich bin."
"Wem?" fragte Kelso erstaunt. "Joan Gipsy?"
"Er meint KC", klärte ich ihn auf und fügte sarkastisch hinzu: "Unsere allseits beliebte Klatschkolumnistin."
"Möchte nur wissen, wer ihr die falsch ausgestellten Dokumente zugespielt hat", murmelte der alte Mann.
Das konnte ich ihm auch nicht sagen. Ich wußte nur, wer sie mir anschließend zugespielt hatte. Es war Stranger tatsächlich gelungen, mich gleich zweimal mit derselben billigen Masche in die Irre zu führen.
Nimm dich in acht, Stranger!
ging es mir auf dem Rückflug durch den Kopf. So schnell stecke ich nicht auf. Beim nächsten Mal bin ich es, der die Nase vorn hat.

 
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