Ren Dhark
     
Hajo F. Breuer
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thema Helden mit Verstand
Keine Zukunft ohne Bildung

von Hajo F. Breuer

Die aktuelle Diskussion um das deutsche Bildungswesen muß jeden, der sich mit der Zukunft beschäftigt, alarmieren. Die SF schildert denkbare Welten, die noch kommen können. Und wenn sie mehr oder weniger positive Utopien liefert wie Ren Dhark, dann ist völlig klar, daß die Helden der Zukunft vor allem eines brauchen: Bildung. Die Zeiten der Gestalten wie Conan, die Entscheidungen mit dem Schwert herbeizwangen, sind vorbei. Heute und noch viel mehr in der Zukunft sind es Intelligenz und Bildung, die einen Krieg gewinnen.

Leider sind wir in Deutschland gerade dabei, unser Bildungswesen völlig zu ruinieren. Und das liegt keineswegs an den Schulen mit hohem Ausländeranteil wie der Berliner Rütli-Hauptschule, die vor kurzem in einem dramatischen Appell um Polizeischutz bat. Der wahre Grund für den Niedergang unserer Schulen ist der Sieg der Ideologie über die Vernunft.

Die Forderung: »Gleiche Chancen für alle!« klingt gut, und es ist auch nichts daran auszusetzen. Aber »gleiche Chancen« wird von den Bildungsideologen leider mit »gleiche Ergebnisse« verwechselt. So stieg der Anteil der Abiturienten an einem Schülerjahrgang von rund sechs Prozent 1958 auf 25 Prozent im Jahr 2004. (In Frankreich machen mittlerweile sogar mehr als 70 Prozent eines Jahrgangs Abitur.) Doch mit welchen Methoden wurde dieses theoretisch begrüßenswerte Ergebnis erreicht?

Ich möchte hier ein persönliches Erlebnis beisteuern. Ich wurde 1961 eingeschult, wechselte 1965 auf das Gymnasium und machte dank zweier Kurzschuljahre 1973 Abitur. Im Herbstsemester 1973 begann ich mein Germanistik- und Anglistikstudium mit dem Ziel »Lehramt am Gymnasium«. Nach der kleinen Zwischenprüfung in Pädagogik und Philosophie war ich mit nur vier Semestern Studium »qualifiziert«, um in der gymnasialen Unterstufe Deutsch zu unterrichten. Das Land NRW war schon damals pleite und kaschierte den Lehrermangel mit studentischen Hilfskräften, die nur rund ein Drittel dessen kosteten, was für einen Studienrat zu bezahlen war. So kam es, daß ich als 20jähriger Jungspund 1975 ohne jegliche (Lebens-)Erfahrung, aber mit jeder Menge gutem Willen zwei fünfte Klassen am Gymnasium (36 und 37 Schüler) in Deutsch unterrichten durfte.

Als ich mein erstes Diktat schreiben lassen mußte, wollte ich es nicht zu schwer machen und kramte mein altes Schulheft hervor. Ich dachte, ein Diktat, das ich zehn Jahre zuvor noch selbst geschrieben hatte, könne doch nicht zu anspruchsvoll sein. Ich besprach mich mit der Fachleiterin, einer Oberstudienrätin – und die schlug die Hände über dem Kopf zusammen. Mittlerweile waren nämlich »Lückendiktate« Standard: Texte wurden auf Matrize geschrieben und vervielfältigt; jedes siebte oder achte Wort war ausgelassen worden und mußte von den Schülern eingesetzt werden. Mehr war nicht drin.

Ich habe »mein« altes Diktat dann einfach mal als unbenoteten Test schreiben lassen. Ich mußte erschrocken feststellen, daß mehr als 80 Prozent der Schüler eine Fünf oder Sechs bekommen hätten - mehr als 20 Prozent war aber nicht erlaubt, dann mußte die Arbeit neu geschrieben werden!

All die »Reformen« des einst so prächtigen und erfolgreichen deutschen Schulwesens hatten nur ein Ziel: Die Zahl der »qualifizierten« Schulabgänger zu erhöhen. Selbst die unselige dummdeutsche Rechtschreibdeform war ja mit der Vorgabe angetreten, die Fehlerzahlen in den Schulen zu senken.

Dieser grobe Unfug hat zwei gravierende Folgen: Wir haben heute zwar mehr Abiturienten als früher, doch die Schulabgangszeugnisse bieten keine verläßliche Aussage mehr über die tatsächlichen Fähigkeiten des Schülers. Viele Handwerksmeister verlangen ja heute notgedrungen das Abitur – die allgemeine Hochschulreife! – wenn sie einen Lehrling einstellen.

Zum anderen hat die staatlich gewollte Kastration der Möglichkeiten der Lehrer, steuernd auf ihre Schüler einzuwirken, dazu geführt, daß Disziplin an den Schulen nicht einmal mehr eine »Sekundärtugend«, sondern vielfach gar nicht mehr vorhanden ist. Meine zweieinhalb Jahre an der Schule haben mir voll und ganz gereicht. Ich habe zwar noch das Examen abgelegt (so hatte ich was fürs Leben), aber mir war schon relativ rasch klar, daß vernünftiges Unterrichten unter den Rahmenbedingungen von damals (und erst recht von heute!) einfach nicht möglich war.

In einer Schule, in der die Lehrer Angst haben vor ihren Schülern, findet sinnvolles Unterrichten nicht mehr statt. Daß wir mit dem von den Bildungsideologen geschaffenen heutigen System die Zukunft der kommenden Generationen ruinieren, interessiert kaum jemanden. Den Leuten, die unsere Schulpolitik bestimmen, kommt es nur auf die Theorie an.

Ich erinnere mich an die »Laborschule« des Hartmut von Hentig, die zu meiner Studentenzeit bei den Pädagogen hoch im Kurs war (und leider immer noch besteht): Da tobten absolut praxisfremde Theoretiker ihre Ideen aus, die an der Laborschule natürlich funktionierten, weil die Kinder, die nachmittags extra für diese Versuche hinkamen, wußten, daß sie beobachtet und gefilmt wurden und sich entsprechend benahmen. Nur hatte und hat das mit der Realität des schulischen Alltags überhaupt nichts zu tun.

Wenn man den Schülern wirklich ein Rüstzeug für eine immer anspruchsvollere Zukunft vermitteln will, dann muß man sie fordern. Die Schule muß sich wieder darauf besinnen, Leistung zu verlangen und darf nicht davor zurückschrecken, Versager an weniger anspruchsvolle Schulformen durchzureichen - ebensowenig wie sie »Spätentwicklern« den Aufstieg nach oben versperren darf. Ich plädiere für eine Rückkehr zum praxisbewährten viergliedrigen System: Hilfs-, Volks- und Realschule sowie Gymnasium. Und für die ganz harten Fälle, die ihre Lehrer mit Gewalt bedrohen und darauf bauen, daß sie strafunmündig und somit für ihre Taten nicht verantwortlich zu machen sind, sollte man über die Wiedereinführung geschlossener Erziehungsanstalten nachdenken.

Es kann nicht darum gehen, Schulkinder zu gängeln oder zu drangsalieren. Aber es muß uns darum gehen, unseren Schülern die Fähigkeiten zu vermitteln, die sie in einer rasant anspruchsvoller werdenden Welt brauchen. Und daran ist das Schulsystem, das wir heute haben, grandios gescheitert.

Doch in einer zukünftigen Welt, in der man zu den Sternen fliegt, werden Arbeitsplätze für Unausgebildete rar gesät sein. Ich habe noch keine Geschichten über jemanden gelesen, der mit dem Besen durch die POINT OFgeht und die Ecken fegt. Und ich habe auch nicht vor, so etwas zu schreiben...

 
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